Geschichte
Geologie der östlichen Hagener Stadtteile
(entnommen aus: “Eppenhausen-Emst-Bissingheim-Hassley; Richard Althaus; Hagener Heimatbund”)
von H.Kersberg
Die Landschaften des Hagener Raumes bieten besonders in den östlich der Volme gelegenen Stadtteilen Emst, Eppenhausen, Holthausen und Hohenlimburg für geologische und geomorphologische Studien ein überaus interessantes Beobachtungs- und Untersuchungsfeld. Unter den hier auftretenden Gesteinsformationen ist vor allem der Kalkstein, eine Ablagerung des Devon-Meeres vor etwa 350 Millionen Jahren, von besonderem Interesse. Er hebt sich nicht nur als Gesteinsart, sondern auch durch seine Auswirkungen auf die Landschaftsformen, auf den Boden und die natürliche Vegetation sowie auf die landwirtschaftliche Bodennutzung stark von den geologisch relativ gleichförmigen Schiefern und Sandsteinen der Umgebung ab. Als Folge der wirtschaftlichen Nutzung des Gesteins, vor allem zur Kalk- bzw. Dolimitgewinnung, sind die Kalkgebiete an vielen Stellen durch kleinere ehemalige und an wenigen Orten durch heute noch betriebene, ausgedehnte Steinbrüche stark gestört und von entsprechenden Industrieanlagen gekennzeichnet.
Das Vorkommen des Kalksteins im Hagener Raum ist zu verstehen als Teil eines Bandes von zusammenhängenden oder isoliert auftretenden Kalkmassiven im Rheinischen Schiefergebirge, die sich einst in Mulden oder Saumtiefen eines wärmeren Meeres in Mächtigkeiten von 600 bis 1000 m auf dem sich langsam senkenden Meeresboden ablagerten. Wir erkennen sie heute an Schichtpaketen aus massigen oder plattigen grauen Kalken oder auch an fossilreichen Klippen und Blöcken ehemaliger Korallenriffe.
Das Hagener Massenkalkgebiet gehört zu den Kalkgebieten, die sich am Nordrand des heutigen rechtsrheinischen Schiefergebirges (am Saum einer geologischen Schwelle: des Remscheid-Altenaer-Sattels) von Düsseldorf – Wuppertal über Iserlohn bis ins Hönnetal bei Balve und weiter bis Brilon und Warstein verfolgen lassen. Je nach dem Grad der Störung durch Auffaltung und Verwerfung ist dieser 1-2 km breite Kalkzug stellenweise nur weniger als 100 m oder nur wenige Meter breit. In Hagen setzt sich der Massenkalkzug nach einer fast völligen Unterbrechung der Wuppertaler Kalksenke östlich Schwelm als Folge der Ennepe-Verwerfung erst im Volmetal wieder in großer Mächtigkeit fort. Von hier erstreckt er sich in etwa 2 km Breite zwischen den Linien Remberg – Eppenhauser – Hohenlimburger Straße im Norden und Delstern – Staplack – Holthausen im Süden bis ins Lennetal. Es ist das Gebiet der Emst – Hassleyer Hochfläche, einer für Kalkgebiete charakteristischen Verebnungsfläche. An ihren meist steil abfallenden Rändern sind mehrere ehemalige Steinbrüche (im Wasserlosen Tal, am Volmehang, an der Elmenhorststraße, an der Volmeburg) und das im Abbau befindliche große Dolomitvorkommen zwischen Donnerkuhle und Hölken, das den Rohstoff für eines der größten Dolomitwerke Europas in Hagen-Halden liefert, Zeugen der wirtschaftlichen Bedeutung dieses Gesteins.
Durch die zahlreichen und natürlichen Aufschlüsse an Felswänden sowie in Steinbrüchen und Tiefenbohrungen der Dolomitwerke ist die Beschaffenheit und Mächtigkeit dieses Kalkgesteins recht gut bekannt: Es handelt sich im ein Gesteinspaket, das im Hagener Raum mehr als 600 m mächtig ist und zum größten Teil aus Resten von Meerestieren besteht: Korallen, Muscheln, Stromatoporen, Armkiemern u.a., die als Fossilien stellenweise gut erhalten sind. Es ist also ein fast reiner Kalk; gebietsweise ist er stark dolomisiert (Calcium-Magnesium-Karbonat).
Eines der interessantesten und wohl auch bekanntesten Phänomene des Kalksteins ist seine eigentümliche Verwitterung. Da Kalk durch Säuren löslich ist, kann die im Regen- und Bodenwasser enthaltene Kohlensäure ihn chemisch angreifen. Das bedeutet: Kalk löst sich auf; zurück bleiben nur geringe Rückstände, seine “Verunreinigungen” in Form von Verwitterungslehm. Solche Lösungserscheinungen sind an allen Kalkfelsen zu sehen, deren Oberfläche genügend lange den Einwirkungen des Wassers ausgesetzt waren: Loch- , Waben- und Rinnenbildungen zeugen von der chemischen Verwitterung – so etwa an den steilen Felswänden des Weißensteins am Rande des Lennetals bei Holthausen.
Eine strukturelle Eigenschaft des Kalksteins beeinflusst die Lösungsverwitterung sehr stark: seine Klüftigkeit. An den oft sehr weit verzweigt und tief hinabreichenden Klüften kann das Sicker- und Fließwasser die Auflösungstätigkeit fortsetzen und die Spalten zu Klüften und größeren Hohlräumen erweitern. Hinzu kommt stellenweise auch die mechanische Erosionswirkung der unterirdischen Wasserläufe. Zahlreiche unserer bekannten Höhlen haben auf diese Weise ihre enormen Größenausmaße bekommen. In diesen Klüften und Höhlen setzt sich der gelöste Kalk als Tropfstein ab: an den Decken und Wänden als Stalaktiten und Sinterfahnen, am Boden als Stalagmiten. Im Hagener Raum finden wir – je nach Art der Abgrenzung – ein bis zwei Dutzend zugängliche Höhlen mit zum Teil sehr eindrucksvollen Tropfsteinbildungen. Eine im Mittelpunkt des lokalen Interesses stehenden Tropfsteinhöhle ist die Volmehanghöhle nahe der Innenstadt im Bereich des Wasserlosen Tales (an der Volmebrücke der B54). Hier wird gegenwärtig ein kleinerer gang- und hallenförmiger Teil des insgesamt mehrere hundert Meter umfassenden begehbaren Kluftsystems mit zum Teil sehr schönen Tropfsteinbildungen für die öffentliche Begehung und auch für Lehrzwecke zugänglich gemacht.
Die auffälligste hydrographische Erscheinung im Kalkgebiet ist zweifellos das Fehlen von Oberflächenwasser. Es kann sich wegen der schon dargestellten Lösungsanfälligkeiten und Klüftigkeit des Gesteins nicht an der Oberfläche halten. So sind die von der Emster Hochfläche ins Volme- und Lennetal hinabführenden Täler “wasserlose Täler”, sogenannte Trockentäler: außer dem bezeichnenderweise mit Eigennamen benannten “Wasserlosen Tal” sind das Elmenhorsttal mit der unteren Berghangstraße, das Volmeburgtal, das Tal an der Donnerkuhle und viele anderen kleinen Tälchen und Geländeeinschnitte Trockentäler.